Almgeschichten – Folge 1: „Ich stelle mir vor, ich bin ein Stein auf der Alm“

Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner kennt die Alm als Arbeitsort, Sehnsuchtsort und Teil ihrer Familiengeschichte. Sie erklärt im Interview, warum der Tourismus die Almwirtschaft ernster nehmen muss, um seine Zukunft zu sichern.

11.06.2026

Theresa Mitterer-Leitner hilft im Sommer auf der Wildenfeldalm, die sich seit 1937 im Familienbesitz befindet. (Fotos: Privat)


Auf der Alm Ihres Bruders packen Sie mit an, im Tal sind Sie Brückenbauerin zwischen Tourismus und Landwirtschaft. Was bedeutet die Alm für Sie persönlich?

Mitterer-Leitner: Ich durfte die ersten Sommer meines Lebens mit meiner Familie auf der Wildenfeldalm verbringen. Dort habe ich schon als Kind gelernt: Man ist ein wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft. Nur besteht diese Gemeinschaft da oben ganz selbstverständlich nicht nur aus Menschen, sondern auch aus dem Vieh, aus den natürlichen Gegebenheiten und den Wildtieren rundherum. Man ist Teil von einem größeren Ganzen.

Eine besonders prägende Erfahrung haben meine Schwester und ich als Kinder beim „Kälber holen“ gemacht. Wenn es neblig war oder sie sich irgendwo verstiegen hatten, war das eine Herausforderung. Du kriegst einen Stecken in die Hand und gehst los. Einmal wollte es nicht klappen, doch wir haben uns auch nicht getraut, ohne die Kälber zurückzukehren. In unseren Gummistiefeln sind wir am Berg he-rumgerutscht – doch irgendwie haben wir die Kälber heimgebracht. Darauf waren wir sehr stolz. 

Sie haben an mehreren Studien zum Zusammenspiel von Landwirtschaft und Tourismus gearbeitet. Wo liegt derzeit das größte Spannungsfeld?

Die größte Herausforderung ist die Existenzsicherung der kleinstrukturierten landwirtschaftlichen Betriebe und damit auch der Almen. Sie wird in der Gesellschaft, aber auch im Tourismus, unterschätzt.

Gleichzeitig entwickeln sich Tourismus und Landwirtschaft gegenläufig. Auf der einen Seite steigt die touristische Nachfrage, nicht nur mengenmäßig, sondern auch durch eine veränderte Nutzung. Es gibt mehr Sportarten, mehr E-Bikes, mehr Menschen, die früher, später und weiter unterwegs sind, mehr Hundebesitzer. Auch soziale Medien spielen mit. Die Nachfrage verteilt sich räumlich und zeitlich stärker auf der Alm.

Auf der anderen Seite verändert sich die Almwirtschaft: weniger Milchkühe, mehr Mutterkuhhaltung, weniger Personal, mehr Nebenerwerb. Wenn gleichzeitig die touristische und freizeitwirtschaftliche Nutzung steigt, kann es zu Konflikten kommen.

Die Sommer ihrer Kindheit verbrachte Theresa Mitterer-Leitner auf der Alm.


Reicht Bewusstseinsbildung aus – oder braucht es eine andere Haltung?

Der Tourismus kann eine sehr positive Kraft für die Landwirtschaft haben. Aber er kann diese Kraft nur entfalten, wenn er seine Grundlagen erkennt, schützt und stärkt.

Ohne funktionierende kleinstrukturierte Landwirtschaft gibt es keinen nachhaltigen alpinen Tourismus. Die Alm ist kein reiner Erholungsraum, sondern zuerst ein landwirtschaftlicher Bewirtschaftungsraum. Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel: Der Tourismus muss die Almwirtschaft als seine Grundlage anerkennen und ihr Vorrang geben. Nur so bleiben jene Kulturlandschaft und Attraktivität erhalten, von denen er lebt – dieses Verständnis würde viel Druck aus dem Miteinander nehmen.

Gilt dieser Vorrang auch für die Produkte, die aus der bewirtschafteten Landschaft entstehen?

Für die Bauern sind die Kulturlandschaft und die Produkte, die aus der Bewirtschaftung hervorgehen, untrennbar. Wenn man diese Produkte nicht wertschätzt – und Wertschätzung heißt für sie auch, sie abzunehmen –, dann heißt das für sie auch, dass man die Kulturlandschaft nicht wertschätzt.

Als Landwirt in einem tourismusintensiven Gebiet hat man ohnehin mehr Aufwand. Gäste verhalten sich nicht absichtlich falsch, aber es passiert. Ein Bauer hat zu mir gesagt: Wir brauchen die Zäune nicht, um die Kühe einzuzäunen, sondern um die Leute auszuzäunen.

Wenn dann die Produkte nicht auf der Speisekarte stehen, ist das nicht nur ein betriebswirtschaftliches Problem, sondern eine Geringschätzung.

Würde eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung der Almwirtschaft nützen?

Die fehlende Abnahme der Produkte, vor allem beim Fleisch, ist der größte Beziehungskiller zwischen Tourismus und Landwirtschaft. Bei der Herkunftskennzeichnung hat es freiwillige Ansätze gegeben – und eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass der alpine Tourismus die regionalen Produkte verwendet. Ich glaube, mit Freiwilligkeit allein sind wir am Ende.

Auch aus Sicht der Politik wäre eine Herkunftskennzeichnung logisch. Es nützt wenig und ist nicht effizient, die alpine Landwirtschaft durch Ausgleichszahlungen erhalten zu wollen, die entstehenden Produkte dann aber im Wettbewerb untergehen zu lassen, weil sie nicht erkennbar sind.

Müsste der Tourismus die Almwirtschaft stärker als Teil seines Selbst verstehen?

Die alpine Kulturlandschaft und besonders die Alm sind ein Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb. Die Alm hat charakteristische Elemente: die Hütte, die Weidetiere, die kultivierte Landschaft, Menschen, die dort arbeiten, und im Hintergrund die Hochgebirgskulisse. Dieses Landschaftsbild hat den alpinen Tourismus stark geprägt – und ist flächendeckend nur durch eine aufrechte landwirtschaftliche Bewirtschaftung zu erhalten. Die Gäste erwarten dieses Bild. Wenn es wegfällt, verliert der Tourismus Wiedererkennbarkeit und Glaubwürdigkeit.

Zu guter Letzt: Was ist für Sie der schönste Moment auf der Alm?

Es gibt unzählige schöne Momente auf der Alm – doch ich denke auch im Tal oft an die Alm, und das gibt mir Kraft. Andere Leute meditieren vielleicht. Ich stelle mir stattdessen vor, ich bin ein Stein auf der Alm, ins Borstgras eingeschmiegt. Das ist eine beruhigende Vorstellung für mich: Teil dieses großen Ganzen sein zu dürfen. Auf der Alm lebt man im Zusammenspiel mit dem Wetter, dem Vieh und den Pflanzen. Man weiß, was zu tun ist, und versucht, seinen Teil bestmöglich beizutragen. Das gibt eine große Erfüllung.


Familie Leitner und die Wildenfeldalm

Theresa Mitterer-Leitner ist auf dem familiären Landwirtschaftsbetrieb mit Campingplatz in St. Johann in Tirol aufgewachsen. Heute wird dieser von ihrem Bruder Johannes Georg und ihrer Schwägerin Romana geführt, während die Eltern Maria und Johann Georg die zum Betrieb gehörende Wildenfeldalm auf 1.627 m in Kirchberg in Tirol bewirtschaften. Diese befindet sich seit 1937 im Familienbesitz und wird im Sommer mit 18 Stück Fleckvieh Mutterkühen mit Nachzucht sowie zwölf schottischen Hochlandrindern bestoßen.


ZUR PERSON

Theresa Mitterer-Leitner, MA, ist Senior-Lektorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am MCI in Innsbruck (derzeit in Karenz).


Hier gehts zum VIDEO.

 

 

 

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