20.11.2025

Alexandra Gruber – Die Tafel Österreich, Alois Rainer – WKO, David Mölk – MPREIS, Romed Giner – Tiroler Gemüsebauern und Matthias Stefan – Uni Innsbruck. (Foto: Ökosoziales Forum)
Jährlich landen in Österreich über eine Million Tonnen genießbarer Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Menschen in Armut in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Lebensmittelabfälle fallen entlang der gesamten Wertschöpfungskette an, mit massiven ökologischen, ökonomischen und sozialen Konsequenzen. Der größte Teil – mehr als die Hälfte – stammt aus privaten Haushalten.
Um gegen die Vergeudung anzugehen, braucht es Wissen und konkrete Maßnahmen, aber vor allem eines: Zusammenarbeit. Aus diesem Grund haben Die Tafel Österreich und das Ökosoziale Forum Österreich & Europa das Projekt „Isst das jemand?" ins Leben gerufen: Eine Dialogreihe, die Experten und Zivilbevölkerung gleichermaßen ins Boot holt, um gemeinsam Lösungen gegen Lebensmittelverschwendung zu finden.
In Tirol konnte ein hochkarätiges Podium aus unterschiedlichen Bereichen der Wertschöpfungskette gewonnen werden: Romed Giner (Obmannstellvertreter der Tiroler Gemüsebauern), David Mölk (Mitglied der Geschäftsführung und Miteigentümer der Firma MPREIS), Alois Rainer (Obmann Fachverband Gastronomie, Wirtschaftskammer Österreich) und Matthias Stefan (Universität Innsbruck, Institut für Banken und Finanzen) stellten sich der Diskussion miteinander und mit dem Publikum, das via digitaler Abstimmung sowie persönlich einbezogen wurde.
Technologie als Chance
Einig, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven, waren sich die Experten in einem: Wenn Lebensmittelverschwendung deutlich reduziert werden soll, muss auch investiert werden.
David Mölk betonte, dass Lebensmittelverluste im Handel einen relevanten Anteil am Umsatz ausmachen – und es daher im ureigensten Interesse des Lebensmittelhandels liegt, Abfälle gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine Herausforderung ist die Balance zwischen Kundenzufriedenheit und der optimalen Warenmenge im Geschäft. Hier sieht er eine große Chance im Einsatz moderner Technologien, etwa zur Analyse von Mindesthaltbarkeitsdaten und zur automatischen Warendisposition.
Entsprechendes Handwerkszeug
Die Agrarwirtschaft bildet laut EU-Statistik das Schlusslicht in Sachen Lebensmittelverschwendung. Romed Giner, selbst Landwirt, hielt dennoch fest, dass die Mengen mehr werden. Das liege unter anderem am sich ändernden Klima und an einem unsachlichen Diskurs über modernen Pflanzenschutz. Investitionsbedarf sieht er vor allem im Bereich Wissenschaft und Forschung: „Früher wurde mit dem Klima ,mitgeforscht' und Landwirten entsprechendes Handwerkszeug mitgegeben, etwa im Bereich Dünger oder Schädlingsbekämpfung." Das habe sich geändert – allein durch das Verbot vieler Pflanzenschutzmittel seien die Ausfälle teils verheerend bis hin zum kompletten Wegfall.
Bei Radieschen etwa haben sich die Verluste verdreifacht, für Kohlsprossen gibt es mittlerweile keinen einzigen Tiroler Produzenten mehr. „Es gäbe massives Potenzial im Bereich der Forschung im Pflanzenschutz – hier müsste dringend mehr investiert werden. Zusätzlich werden regionale Produzenten durch die aktuelle Preisdebatte und ungleiche Rahmenbedingungen bei importierter Ware belastet", so Giner abschließend.
Bewusstseinsbildung
Ein weiteres Investmentthema ist die Bildung, wie Gastronomie-Funktionär Alois Rainer festhielt: „Die große Kunst ist es, nicht nur richtig zu planen, sondern übriggebliebene Speisen von Buffets & Co auch gezielt weiterzuverarbeiten oder weiterzugeben. Die Wirtschaftskammer bietet bereits geförderte Programme für Gastronomen an, in denen sie lernen, wie man Lebensmittelabfall vermeidet. Wir alle leben im Überfluss – wir müssen gezielt schulen und Bewusstsein schaffen, um gegen Lebensmittelverschwendung anzugehen."
Wertschätzung ist Trumpf
Dass mehr als die Hälfte des Lebensmittelmülls in privaten Haushalten anfällt, überraschte Ökonom und Verhaltensforscher Matthias Stefan nicht. „Unser Konsumverhalten entspricht oft nicht dem Bild, das wir selbst gerne von uns hätten. Wir wünschen uns, jemand anders wäre ,der Schuldige', zum Beispiel der Handel." Oft funktionieren schon banale Lösungsansätze wie kleinere Teller beim Buffet überraschend gut, so der Wissenschaftler.
Mehr Wertschätzung und ein achtsamer Umgang mit Lebensmitteln seien unbedingt notwendig, so der Tenor der Diskutanten. Romed Giner hielt der Gesellschaft einen Spiegel vor: „Wir haben viele rechtschaffen empörte Bürger, die mehr Natur- und Umweltschutz einfordern. Aber wenn sie vor dem Regal stehen, werden viele zu Konsument, die Preis und Rabattierung hörig sind. Ich wünsche mir, dass Konsumenten vorm Regal zu Bürgern werden und sich bewusst sind, dass jeder Griff zum Produkt einen Kreislauf in Gang setzt, der Wertschöpfung und Nachhaltigkeit im eigenen Land schafft."
Der Dialog mit Experten und Zivilbevölkerung zeigte deutlich, wie umfassend das Thema Lebensmittelverschwendung zu begreifen ist. Es kann nur gemeinsam gelingen, gegen diesen Missstand anzukämpfen.

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