Unsichere Zeiten – sichere Ernährung?

Im Rahmen der Ausstellung „Land – Sorten – Vielfalt. 100 Jahre Tiroler Genbank“ im Tiroler Volkskunstmuseum gab Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Markus Schermer mit einem Vortrag Einblicke in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ernährungssystems.

03.11.2022

Essen ist ein Grundbedürfnis und somit gehört die Produktion von Lebensmitteln zu den essenziellsten Wirtschaftszweigen. 
In den letzten Jahrzehnten haben sich Produktionsverhältnisse, Ernährungsweisen und die Organisation der Agrarwirtschaft grundlegend verändert. Nach 1945 begann sich ein produktivistisches Ernährungssystem zu entwickeln, mit dem Ziel, die Bevölkerung günstig mit Lebensmitteln zu versorgen. Mechanisierung, Spezialisierung und Rationalisierung hielten in der Landwirtschaft Einzug. Diese grundlegende Umstrukturierung führte zur Entstehung globaler Agrarkomplexe mit vorgelagerten Bereichen wie Futtermittel- und Düngerproduktion sowie nachgelagerten Bereichen in der Ernährungsindu-strie. Wachsen oder weichen war das Gebot der Stunde und der Druck auf landwirtschaftliche Betriebe nahm stetig zu. 

Landwirtschaftlicher Industriebetrieb
Das ermöglichte erst industrielle Feedlot-Produktion, wie man sie heute etwa aus den USA oder Argentinien kennt. Bei diesem sehr häufigen Modell werden landwirtschaftliche Betriebe organisiert wie Industriebetriebe und können so Fleisch als Massenware produzieren. Die Auswirkungen sind dabei immer mitzudenken. Neben den Ausscheidungen von Nutztieren, die aufgrund der schieren Masse vom Dünger zum Problemstoff werden, verringerter Lebensdauer und Verlust von Agrobiodiversität wiegt das Nutztier als Nahrungsmittelkonkurrent mitunter am schwersten. Agrobusinessbetriebe produzieren meist die Futtermittel nicht selbst, sondern kaufen Mais und Getreide zu. 33 Prozent der globalen Ackerfläche werden somit zum Anbau für Futtermittel genutzt. 

Monopolisierung von Saatgut
Auch im Bereich des Ackerbaus hat sich einiges verändert. Bei der Produktion von Saatgut hat sich eine Monopolisierung etabliert. Monsanto und Bayer sind in diesem Zusammenhang klingende Namen. Mit der Erzeugung gentechnisch veränderter Feldfrüchte, sogenannter Hochleistungssorten, werden konventionelle Landsorten verdrängt. Entsprechende Gentechnikpakete, etwa Soja und Glyphosat, verstärken die Bindung von Landwirten an den Hersteller und erzeugen asymmetrische Machtstrukturen. 

Auswirkungen auf den Konsum
Am Ende der Nahrungsmittelproduktion stehen die Verbraucher. Ein Blick auf die Fleischpreise im Supermarktregal zeigt unbestreitbar, dass die Konsumabgaben für Lebensmittel im Laufe der Zeit gesunken sind. Damit einher geht aber auch eine homogenisierte Ernährungsweise und steigender Fleischkonsum, beobachtbar auch in traditionell vegetarischen Ländern wie Indien. 

Die Verabeitungstiefe von Lebensmitteln nimmt zu, erkennbare Herkunft und Saisonalität nehmen hingegen ab. Jede erdenkliche Art von Nahrung ist mittlerweile das ganze Jahr verfügbar. Schlussendlich ermöglichen diese Voraussetzungen auch Lebensmittelskandale, ein prominenter Fall ist der Pferdefleischskandal in Europa aus dem Jahr 2013. 

Nachhaltige Veränderung
Lange war die Zivilgesellschaft nur passiver Konsument im Ernährungssystem. Heute lässt sich wieder ein gesteigertes Bedürfnis der Verbraucher nach Transparenz im Bezug auf Herkunft und Nachhaltigkeit von Lebensmitteln erkennen. Der Bezug zwischen Produkt und Konsument gewinnt wieder an Bedeutung. Mit Blick auf Tirol bestätigen zahlreiche Hofläden und Bauernmärkte das Entstehen zivilgesellschaftlicher, landwirtschaftlicher Netzwerke. Trotzdem lebt jeder von uns in einem Spannungsfeld zwischen „Nahrung von irgendwo“ und „Lebensmitteln von hier“.

Klimawandel, Pandemie, Ukrainekrieg: Die multiplen Krisen der vergangen Jahre haben deutlich gezeigt, dass wir künftig unseren Konsum verringern müssen. Die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Umorientierung liegt auf der Hand. Schlussendlich liegt es an jedem von uns, diese Veränderung im Kleinen herbeizuführen und gleichzeitig gemeinsam daran zu arbeiten, dass die Rahmenbedingungen das Überleben regionaler, kleinbäuerlicher Produktionssysteme unterstützen.


ZUR PERSON

 

Markus Schermer schloss 1983 das Diplomstudium der Agrarökonomie an der Universität für Bodenkultur in Wien ab. Von 1984 bis 1999 war er in Entwicklungszusammenarbeit, Landwirtschaftsberatung und Raumplanung außeruniversitär aktiv. Seit 1999 ist er an der Universität Innsbruck tätig, wo er 2004 am Institut für Soziologie seine Dissertation abschloss. 2008 folgte die Habilitation in Soziologie. Von 2008 bis 2010 war er Institutsleiter am Institut für Soziologie, bis 2020 war er stellvertretender Institutsleiter. Zudem war er von 2005 bis 2008 Leiter des Forschungszentrums Berglandwirtschaft.


 

Foto 1: Haiminger Markttage
Foto 2: Universität Innsbruck

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