Almgeschichten – Folge 7:

Auch auf den Almen im Nationalpark Hohe Tauern ist die kulturelle Identität in Bedrängnis: Ein Gespräch mit Nationalparkdirektor Dipl.-Ing. Hermann Stotter.

26.08.2021

Im 1.856 km² großen Nationalpark Hohe Tauern gibt es rund 350 Almen mit 91.000 Hektar Almfläche, davon gehören ca. 120 Almen zu Tirol bzw. Osttirol. Je ca. zur Hälfte sind das Gemeinschafts- und Privatalmen. Ihre nachhaltige Bewirtschaftung ist ein besonderes Anliegen des Nationalparks Hohe Tauern. Das ersieht man auch an der neu aufgelegten Publikation „Almen im Nationalpark Hohe Tauern – Natur, Kultur und Nutzungen" (Tyrolia-Verlag), das den aktuellen Stand der Almnutzung im Nationalpark dokumentiert, aber auch die Veränderungen der Almwirtschaft in den letzten 100 Jahren aufzeigt. Aus Anlass der Neuauflage hier ein Interview mit dem Direktor des Nationalparks Hohe Tauern Tirol, Dipl.-Ing. Hermann Stotter:

Welche Entwicklung nimmt die Almwirtschaft im Nationalpark Hohe Tauern? Läuft sie parallel mit der übrigen Almentwicklung – z. B. vermehrter Umstieg auf Galtalmen?
Stotter: Insgesamt werden im Nationalpark Hohe Tauern (Kärnten, Salzburg, Tirol) 14.166 Großvieheinheiten gesömmert. Das entspricht fünf Prozent der gealpten Tiere Österreichs. Darin enthalten sind 20.100 Schafe und Ziegen (16 Prozent der österreichweit gealpten Schafe und Ziegen), 12.400 Galtrinder und Pferde sowie 1.700 Milchkühe (drei Prozent der österreichweit gealpten Milchkühe). Die Auftriebszahlen sind in den letzten Jahren in allen Kategorien konstant geblieben.
Die Milchkuhalpung konzentriert sich auch im Tiroler Anteil des Nationalparks Hohe Tauern auf einige größere Melkkuhalmen. Wie wahrscheinlich der generelle Trend in Österreich, werden mittlerweile hauptsächlich Galtrinder und Schafe gealpt. Almsennereien hatten in Osttirol traditionell keine Bedeutung, historisch gesehen war die Einzelbewirtschaftung der Milchkuhalmen vorherrschend, wo Milch hauptsächlich für den Eigenbedarf in Butter bzw. Graukäse veredelt und der Rest an Kälber vertränkt wurde. Diese direkte Verarbeitung ist allerdings in den letzten Jahrzehnten auf den Almen fast zur Gänze verschwunden.

Wie profitiert der Nationalpark von den Almen?
Der Nationalpark Hohe Tauern ist einer der wenigen Nationalparke weltweit, wo Kulturlandschaft (Almen) und Naturlandschaft eng miteinander verzahnt sind. Gerade im Tiroler Anteil des Nationalparks findet man sehr ursprüngliche Almen und Almdörfer, die ein wertvoller Anziehungspunkt für Nationalparkbesucher sind, etwa die Jagdhausalm im Hinteren Defereggental mit ihren archaisch anmutenden, zur Gänze aus Steinen gemauerten Almhütten. Weitere ursprünglich erhaltene Almdörfer findet man im Matreier Froßnitztal oder im Kalser Dorfertal, um nur einige zu nennen.

Welche Vorteile haben die Almbewirtschafter im Nationalpark?
Die Almbauern profitieren in der Nationalparkplanung von einem Fördersystem, das speziell für die Erhaltung dieser Almen entwickelt wurde. Gefördert werden etwa landschaftsgestalterische Maßnahmen bei Almgebäuden (Dachverschindelungen, Holzblockbau, Natursteinmauerwerk), die Errichtung und Erhaltung von Trockensteinmauern, der Auftrieb von Weidevieh zu bestimmten Auflagen, die Mahd von Bergwiesen bis hin zur Erhaltung für die Region typischer Haustierrassen und die Offenhaltung der Almen (Schwenden), die Erhaltung von Naturwaldzellen oder die Ausweisung von Biotopen. Gerade über die freiwillige Schiene des Vertragsnaturschutzes konnten in den letzten Jahren viele Naturschutzmaßnahmen umgesetzt werden.

Hat die Grenzziehung zwischen Außen- und Kernzone das Konfliktpotenzial zwischen Naturschutz und Almwirtschaft entschärft?
Gerade die Grenzziehung von Außen- und Kernzone im Tiroler Anteil hat ergeben, dass diese sehr geschickt gewählt wurde. Almwirtschaftlich genutzte Flächen kamen in die Außenzone (=Almen), die nicht mehr oder nie genutzten Flächen wurden in die Kernzone eingegliedert. Das bedeutet, dass in diesem Bereich ein sehr geringes Konfliktpotenzial gegeben ist. In der Kernzone findet man fast ausschließlich nur mehr extensive Schafweide vor. Durch die ständige Evaluierung der Almnutzung kann auf aktuelle Veränderungen (z. B. mögliche Intensivierungen), reagiert werden, etwa in Form von Vertragsnaturschutzlösungen.

Auch der erschließende Wegebau war im Nationalpark ein brisantes Thema. Wie geht man damit um?
Bereits seit 2002 gibt es ein verbindliches „Almerschließungskonzept" für den Tiroler Anteil am Nationalpark Hohe Tauern. Mittlerweile haben alle Melkalmen im Tiroler Nationalparkgebiet eine ausreichende Erschließung. Im Gegensatz dazu soll vor allem bei Hochalmen, wo hauptsächlich Galtvieh und Schafe aufgetrieben werden, vor Planung eines Fahrweges eine Alternativenprüfung stattfinden, ob die Erschließung mittels Triebweg, Hubschraubertransport oder einer Materialseilbahn möglich oder überhaupt notwendig ist. Diese Alternativen werden zusätzlich als Ausgleich für Mehraufwendungen aus Nationalparkmitteln gefördert.

Wie ist die Haltung der Nationalpark-Leitung zum Wolf?
Der Nationalpark Hohe Tauern hat länderübergreifend ein klares Positionspapier zur Rückkehr der Großen Beutegreifer (Bär, Wolf, Luchs) beschlossen. Es sieht vor, dass keine aktiven Wiederansiedlungsmaßnahmen zu diesen Arten gesetzt werden. Der Nationalpark ist sich aber seiner Verantwortung für die großen Beutegreifer bewusst und wird sich im Rahmen von gezielten Maßnahmen entsprechend der nationalen Managementpläne für die jeweilige Art in seinem Wirkungsbereich einbringen.

Ein Ziel des Nationalparks Hohe Tauern ist der Erhalt der kulturellen Identität. Wie ist das möglich, wenn die Tourismuswirtschaft vermehrt in die Almzonen eindringt?
Der Nationalpark bemüht sich, einerseits durch Gesetzgebung, aber vor allem durch Lenkung ein ausgewogenes Maß an „naturnahem Tourismus" auf den Almen zu erzielen. Aber nicht nur der Tourismus bringt diese kulturelle Identität in Bedrängnis, sondern vor allem auch wirtschaftliche und demografische Voraussetzungen. Die Anzahl der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung ist verschwindend klein im Gegensatz zu früheren Zeiten und im Familienverbund eines landwirtschaftlichen Betriebes wird es zunehmend schwieriger bis unmöglich, Almpersonal bereitzustellen. Eines der wesentlichsten Kriterien ist aber sicherlich die wirtschaftliche Situation, dass Almpersonal ausschließlich nur mehr auf großen Almeinheiten finanzierbar ist.


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