„Wir brauchen ein konsequentes Wolfsmanagement in Europa“

Forum Land-Obmann und Nationalrat Hermann Gahr setzt sich vehement für die Senkung des Schutzstatus des Wolfes ein. Dazu brachte er bereits zwei Petitionen in den Nationalrat ein. Auch die Spitzenkandidatin des Österreichischen Bauernbundes für die EU-Wahl, Simone Schmiedtbauer, fordert ein Wolfsmanagement in Europa. Die Bäuerin und Jägerin will sich auf europäischer Ebene für die Senkung des Schutzstatus des Wolfes stark machen.

02.05.2019

Durch die FFH-Richtlinie genießt der Wolf in Europa einen absoluten Schutz. Kontinuierlich wächst deswegen die Wolfs-Population in Europa. Wie sollte die Politik auf die erhöhte Wolfs-Population reagieren? Sollte der absolute Schutzstatus aberkannt werden?
Schmiedtbauer: Mit der Einrichtung des „Österreichzentrum Wolf, Luchs, Bär" an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein wurde eine erste wichtige Initiative gestartet, um koordiniert bundesländerübergreifende Maßnahmen im Umgang mit Großraubwild bündeln zu können. Für mich ist völlig klar, dass sich die neugewählten Mitglieder des EU-Parlaments unmittelbar nach der Konstituierung so rasch wie möglich um eine europäische Lösung beim Thema Wölfe kümmern müssen. Ohne ein Wolfsmanagement in Österreich, das auch eine Entnahme von Wölfen ermöglicht, wird die Weide- und Almwirtschaft, also die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Kulturlandschaft, in der bisherigen Form nicht mehr möglich sein. Sollte der Einzug ins EU-Parlament gelingen, werde ich dieses Thema vordringlich in Angriff nehmen.
Gahr: Mittlerweile gibt es schätzungsweise rund 30.000 Wölfe in Europa, diese Raubtiere sind keine bedrohte Tierart mehr. Der absolute Schutzstatus ist daher völlig überbewertet. Es ist höchste Zeit, dass Wölfe wie jede andere Tierart auch bejagt werden können. Es braucht ein koordiniertes Wolfsmanagement auf Bundesebene mit Spielraum für die einzelnen Bundesländer.

Was bedeutet die Rückkehr der Wölfe speziell für die heimische Landwirtschaft?
Schmiedtbauer: Wir sehen bereits in anderen Ländern wie Frankreich oder Italien, dass zahlreiche Bauern auf den Almauftrieb verzichten, da sie Angst um ihre Tiere haben. Das wollen wir natürlich in Österreich verhindern. Gerade als Tourismusland ist es für uns von essenzieller Bedeutung, dass die Bäuerinnen und Bauern ihre Tiere im Sommer auf die Almen treiben und somit die Weiden vor der Verwaldung schützen. Erst die Pflege der Kulturlandschaft macht unsere Almen zu Erholungsräumen für Einheimische und Touristen.
Gahr: In Tirol sind rund 2.100 Almen bewirtschaftet. Jedes Jahr verbringen dort 32.000 Kühe, 77.000 Jungrinder sowie 80.000 Schafe den Sommer. Seit Jahren steigt die Zahl der gerissenen Nutztiere. Wölfe sind sehr intelligente Tiere, sie haben gelernt, dass unsere Haus- und Nutztiere leichte Beute für sie sind. Auch in Tirol überlegen schon Landwirte, ihre Tiere im Sommer im Tal zu lassen, da sie ihre Haus- und Nutztiere den Wölfen nicht hilflos aussetzen möchten.

Wäre in diesem Fall nicht Herdenschutz empfehlenswert?
Schmiedtbauer: Herdenschutz ist leider nicht überall praktizierbar. Gerade im Alm- und Berggebiet sind kilometerlange Zäune keine Lösung. Für besonders sensible Gebiete innerhalb unserer Kulturlandschaft fordere ich deshalb die Möglichkeit, „Weidenschutzzonen" ausweisen zu können. Nur damit könnten wir die bestehenden Naturräume auf für die Zukunft erhalten. Auch Herdenschutzhunde sind auf touristisch stark genutzten Almen keine Option. Ich bin selbst Hundezüchterin und weiß, diese Hunde sind keine Kuscheltiere! Sie sind darauf gezüchtet, ihre Herde gegenüber jedem Angreifer, egal, ob Tier oder Mensch, zu schützen. Das wäre gerade für Wanderer eine große Gefahr. Wenn fremde Menschen der Herde zu nahe kommen, werden sie von den Hunden verjagt.
Gahr: In Tirol ist Herdenschutz keine Option. Es ist wirtschaftlich wie auch topografisch nicht möglich, Almen einzuzäunen. Außerdem gibt es keinen hundertprozentigen Herdenschutz, wie zahlreiche Fälle aus jüngster Zeit gezeigt haben, überwinden Wölfe zwei Meter hohe Zäune. Laut Experten ist ein wolfssicherer Zaun über zwei Meter hoch, stromgeführt und mindestens einen Meter im Boden verankert. Jetzt frage ich diese Experten, wie soll man in den Tiroler Bergen so einen Zaun aufstellen? Das ist unmöglich.

Wolfsbefürworter argumentieren auch, dass die Bauern für die gerissenen Nutztiere sowieso Entschädigungen bekommen. Wieso ist dann die Aufregung der Landwirte so groß?
Schmiedtbauer: Ich bin selbst mit Leib und Seele Bäuerin und ich kann sagen, dass keine Bäuerin und kein Bauer seine toten oder im Sterben liegenden Tiere vorfinden möchte. Hier geht es nicht um den finanziellen, sondern um den emotionalen Schaden.
Gahr: Den Bauern geht es nicht um die Entschädigungszahlungen. Der Großteil der Tiere, besonders bei Schafen, wird zur Zucht verwendet. Der Verlust eines Zuchttieres kann nicht durch Geld wiedergutgemacht werden. Teilweise handelt es sich dabei auch um sehr seltene Rassen, die vom Aussterben bedroht sind. Wird da ein Bock oder ein trächtiges Mutterschaf gerissen, ist der ganze Bestand in Gefahr. Auch unsere Haus- und Nutztiere haben Tierschutz verdient und deswegen ist es unumgänglich, dass man den Wolfsbestand reguliert.

Foto: NR Hermann Gahr und Simone Schmiedtbauer akzeptieren kein „Nein" als Antwort auf das dringend benötigte Wolfsmanagement.


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